Bajamar

Als wir 1966 die Insel verlassen hatten, wir lebten vier Jahre dort, war mir klar, dass ich bei der erstbesten Gelegenheit zurückkomme. Diese ergab sich 1971, meine Eltern führten einen Rosenkrieg vom Feinsten und ich hatte gerade mein Studium begonnen. In den Semesterferien hatte ich wochenlang beim Standaufbau auf der Funkausstellung geackert und mit 1500,- DM in der Tasche, wollte ich mit ein par Kommilitonen nach Amsterdam fahren. Statt dessen flog ich nach Teneriffa, um unser Haus zu renovieren. Meine Mutter hatte mich überzeugt und sie konnte sehr überzeugend sein, dass das wichtiger wäre. Auf Teneriffa angekommen, stand nicht nur das Haus leer, es war vermietet gewesen, daher die Notwendigkeit zu renovieren. Zu meinem Leidwesen war auch die Garage, in der unser Auto hätte stehen sollen, leer. Später habe ich erfahren, dass es mein Vater längst verkauft hatte. Freunde liehen mir für ein par Tage ihr Auto und vermittelten mir einen Leihwagen. Nach vier Wochen, ich hatte die billigste Pauschalreise gebucht und das dazugehörige Hotelzimmer nie in Anspruch genommen, flog ich mit dem Angebot meiner Freunde, sofort bei ihnen in der Firma zu arbeiten, nach Berlin zurück. Studium hin oder her, das Angebot war verlockend.

Kurz danach lernte ich meine zukünftige Ehefrau kennen und Teneriffa wurde vertagt, beende doch erstmal dein Studium, so der O-Ton ihrer Eltern. 1977 heirateten wir, das Datum, der 7 Juli, war zu schön. Unsere Flitterwochen verbrachten wir in einem der kleinen Bungalows des Hotel Neptuno in Bajamar. In den vier, von den Schwiegereltern gesponserten Wochen, machten wir mit dem Auto meiner Mutter die Insel unsicher. Ich muss dabei etwas übertrieben haben. Jeden Tag waren wir auf Achse. Das Wetter hatte auch nicht mitgespielt, es nieselte die meiste Zeit, der Norden eben. Meine Frau wollte jedenfalls nie wieder dorthin.

1986 kam die nächste Gelegenheit. Es hatte einige berufliche und private Turbulenzen gegeben und unsere Ehe kriselte. Meine Mutter überredete mich, mit ihr nach Teneriffa zu fliegen, damit ich wieder einen klaren Kopf bekomme, wie sie sagte. Sie hätte sowieso etwas im Zusammenhang mit ihrem Haus zu regeln. Das Haus war ihre Trophäe, ich erinnere an den Rosenkrieg. Während dieser Reise wurde mir schlagartig klar, dass ich auf Teneriffa nicht in meinen Beruf arbeiten konnte. Meine Mutter traf sich mit einer guten Freundin aus alten Tagen zum Essen. Es wurde so eine Art Familientreffen. Neben mir am Tisch saß Tina, ich nenne sie mal so. Ich kannte sie noch aus der Zeit, als unsere Eltern sich an den Wochenenden trafen und mit einem guten Dutzend Kindern, in ein möglichst abgelegenes Lokal einfielen. Tina und ich unterhielten uns angeregt. Neben ihr sass ihr Bruder. Wir unterhielten uns auf Deutsch und wenn sie sich an ihren Bruder wandte sprach sie - Spanisch. In ihrer Familie wurde schon Spanisch gesprochen, als wir damals auf Teneriffa lebten. Sie waren zwei Jahre vor uns ausgewandert. Meine Mutter fand das damals affektiert. Die Spanischkenntnisse meiner Eltern reichten, auch nach vier Jahren, grade mal für die täglichen Besorgungen. Zurück zu meiner Erleuchtung, als Grafikdesigner setze ich Sprache in Bilder um, auf Teneriffa hätte ich weder das Eine noch das Andere gehabt. Nicht nur die Sprache, auch die Bilder waren mir fremd geworden. Man vergleiche die Werbeseiten einer deutschen mit einer spanischen Zeitung, internationale Firmen ausgenommen. Ich hätte lediglich in der Gruppe der deutschen Residenten Arbeit gefunden und die ist zu klein, um davon zu leben. Es sei denn, man findet eine Nische und meine war schon lange besetzt. Ernüchtert flog ich wieder zurück nach Berlin.

1997. Anfang der 90er hatte ich meinen Vater wiedergefunden, nach besagtem Rosenkrieg hatten wir keinen Kontakt mehr gehabt, er lebte jetzt auf Teneriffa. Wir, meine Frau und ich, sind dann fast jedes Jahr im Januar oder Februar dort gewesen. Sie hatte ihre Abneigung abgelegt und die Insel lieb gewonnen. Dann kam das Jahr 1997. Es war die letzte Reise meiner Frau, kurz danach wurde sie von dieser sch ... Krankheit, gegen die sie lange gekämpft hatte, besiegt. Danach dachte ich nur noch, weg aus Hannover, wohin es mich verschlagen hatte. Da waren aber meine Kinder, beide noch in der Schule/Uni, ausserdem war ich an Vater Staat gebunden und erst nach meiner Pensionierung hätte ich wieder meinen Wohnsitz frei wählen können.

Inzwischen bin ich pensioniert, meine Kinder sind flügge und wir, ich bin schon lange wieder verheiratet, sitzen immer noch in Hannover und fliegen fast jedes Jahr nach Teneriffa, aber dort leben?

© gerrit fichtner 2019

Gerrit

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