Im August 1949 geboren, müsste ich das sein, was man spätestens seit Joschka Fischer einen 68er nennt, dass ich damals in Berlin lebte spricht auch dafür. Ich sehe es nicht ganz so, zwar gab es die 68er Studentenrevolte, nur war ich damals kein Student und nach Einschätzung meines Vaters würde ich auch nie einer werden. Die politischen Ereignisse haben mich damals auch nicht berührt, mit meinem Alter von 18 oder 19 Jahren hatte ich andere Probleme. Klar wusste ich von den Demos und Straßenschlachten und ein Klassenkamerad war auch bei der denkwürdigen Wasserschlacht am Tegeler Weg dabei, natürlich haben wir kleine Flugblätter mit der Aufschrift : »Kurt Georg Kiesinger: Erst NS-Propagandist, jetzt NotStandsplaner. Deshalb STREIK gegen NS-Gesetze« aus dem Klassenfenster auf den Schulhof geworfen und da keiner sagte, wer das war, ist die gesamte Klasse sanktioniert worden.

 

Doch in meinem kleinen Kalender aus dem Jahr 1968 finde ich Einträge wie: Montag den 22. April »Pardon kaufen« oder Freitag den 3. Mai »Anne anrufen« und Samstag den  4. Mai »Anne Dachluke«, die Dachluke war eine Diskothek. Eine Woche später »Countdown«, auch eine Diskothek, diesmal ohne Anne. Es folgten weitere Samstage, mal mit mal ohne Anne. Am Mittwoch, den 29 Mai, der besagte Streik gegen die 2. Lesung der Notstandsgesetze. Da an dem Tag auch eine Deutsch-Klassenarbeit geschrieben wurde, werde ich nicht mitgemacht haben – beim Streik.

Es stellte sich zwei Tage später heraus, dass Anne  einen Freund in Westdeutschland hatte und dass mich die Kunstakademie im Oktober aufnehmen würde. Von Anne gab es ab da keine Einträge mehr, von Besuchen der Dachluke auch nicht, dafür tauchten dann eine Geli und eine Viola auf. Fazit, keine Straßenschlachten, keine Demos an denen ich beteiligt war, obwohl es reichlich Gelegenheit gab. Ich kann mich noch an den Begriff »Freitagsdemo« erinnern, böse Zungen hatten damals behauptet, das nur deshalb jeden Freitag ein Trupp Demonstranten von der Polizei den Kurfürstendamm runtergejagt wurde, damit die Touristen, die im Kranzler ihren Kaffee schlürften, Unterhaltung hatten.

Die Kunstakademie nahm mich erst ein Jahr später. Da mein Vater seine Meinung über mich noch immer  nicht geändert hatte, verbrachte ich, auch um ihm aus dem Weg zu gehen, die meisten Abende im besagten »Countdown« in Borsigwalde. Am Wochenende zogen wir meist durch die Folkloreschuppen, wie den »Steve-Club« in der Krumme-Straße und das »Go In« in der Bleibtreustraße, und andere deren Namen ich vergessen habe. Dort spielten damals Reinhard May, Ingo Insterburg und Hannes Wader, um nur die bekanntesten zu nennen.

Es muss im Mai 1970 gewesen sein, als meine Kommilitonin Sonja und ich beschlossen, zum Tag der alliierten Streitkräfte zu gehen und die Truppen-Parade auf der »Straße des 17. Juni« zu fotografieren. Fotografie war für angehende Grafiker ein Pflichtfach und nachdem ich mehrfach den Film »Blow Up« gesehen hatte, fühlte ich mich zum Fotografen berufen.

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Die Parade war recht langweilig und wir wollten schon gehen, als sich in der Hardenbergstraße etwas tat. Leute strömten zusammen, Wannen, wie die Mannschaftswagen der Polizei liebevoll genannt wurden, kamen angerast, die Hardenbergstrasse wurde gesperrt und am Steinplatz wurde Stacheldraht vor der TU Mensa ausgerollt.

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Das mussten wir uns ansehen. Da wir uns auf dem TU Gelände auskannten liefen wir durch den Eingang am »17. Juni« und quer über das Campus-Gelände zur Mensa, neben dieser war ein Studentenwohnheim, davor war ein Menschenauflauf und aus einem Fenster dröhnte ein Kampflied: »Vorwärts und nicht vergessen ...« oder so ähnlich, furchtbar übersteuert und immer wieder. Wir liefen in die Mensa, an den Türen zur Hardenbergstraße standen Demonstranten, ihnen gegenüber auf der Straße weißbehelmte Polizisten. Um ein besseres »Schussfeld« zu haben rannten wir nach oben und fanden eine unverschlossene Tür die auf das Flachdach führte, von hier fotografierten wir, offensichtlich unbemerkt, das Geschehen vor der Mensa.

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Es flogen Steine auf die Polizisten, diese revanchierten sich mit Tränengas. Die Tränengas-Kartuschen wurde beherzt zurückgeworfen, daraufhin schmissen auch einige Polizisten mit Steinen.

Plötzlich gab es einen Vorstoß der Polizei, sie stürmten die Mensa, wir hörten es unter uns rumoren und sahen Nebelschwaden das Treppenhaus emporkommen. Zu unserem Glück zog sich die Polizei wieder zurück. Unser Bedarf an Abenteuer war gedeckt und wir rannten aus der Mensa wieder auf den Innenhof der Uni. Hier machten Gerüchte die Runde, die Polizei wolle das Gelände stürmen. die einhellige Meinung war aber, dass sie das nicht dürften. Uns war das aber zu unsicher, wir entdeckten eine kleine Tür die in das angrenzende Gebäude der Hochschule der Künste führte, auch diese war zu unserem Glück unverschlossen. Über zwei Innenhöfe gelangten wir in das hinterste Gebäude, eine halbe Ruine, in der die Bildhauer untergebracht waren. Hier gelang es uns über eine kleine Mauer auf die  Fasanenstraße zu kommen.

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In einem großen Bogen über den Bahnhof Zoo und die Kantrasse liefen wir wieder zum Steinplatz. Hier hörten wir, dass die Polizei tatsächlich das Uni-Gelände gestürmt und einige Demonstranten abtransportiert hatte.

An diesen Abend war ich wieder in Borsigwalde im »Countdown«. Zu den Stammgästen gehörten auch Bereitschaftspolizisten aus der nahe gelegenen Polizeikaserne in Schulzendorf. Da man sich gut kannte, kam das Gespräch auf die Ereignisse des Tages. »Tagelang hatten wir Ausgangssperre, Mensch hatte ich eine Wut im Bauch«, sagte einer »Wenn mich diese Idioten mit Steine bewerfen, soll ick nich zurückwerfen, nee nicht mit mir«, der andere. Mit ein par Bier und dem Austausch weiterer Erlebnisse beendeten wir den Tag.

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TU-Präsident bezeichnet Militärparade als Provokation

Der Präsident der Technischen Universität, Alexander Wittkowsky, äußert in einer Erklärung die Auffassung, angesichts der weltweiten Empörung über den Einmarsch von US-Streitkräften in Kambodscha betrachte er die Alliierte Militärparade auf der Straße des 17. Juni als Provokation. Wittkowsky kündigt an, daß er versuchen werde, "die Polizei vom TU- Gelände fernzuhalten".In Reaktion auf diese Erklärung des TU-Präsidenten fordert der Senator für Wissenschaft und Kunst den Präsidenten der TU auf, derartige Erklärungen zu unterlassen und der Polizei jede Unterstützung zu gewähren.

TU-Berlin von Polizei abgeriegelt

Für die Berliner Schutz- und Bereitschaftspolizei wird Große Alarmstufe gegeben, um die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen für die Truppenparade anläßlich des Tages der Allierten Streitkräfte zu gewährleisten. Die Technische Universität Berlin wird weitläufig durch Stacheldraht abgeriegelt. Auf dem Gelände der TU entdecken Polizeibeamte in einem Lagerraum 14 Molotow-Cocktails, die vermutlich im Zusammenhang mit den geplanten Aktionen gegen die Alliierte Militärparade dort versteckt worden sind. 23. Mai 1970 Ausschreitungen nach Militärparade Die Militärparade der drei Westallierten auf der Straße des 17. Juni wird bei ihrem Vorbeimarsch vom TU Gelände aus von Demonstranten durch Stein- und Farbbeutelwürfe gestört. An dem Gebäude der Technischen Universität hängt ein riesiges Bild des chinesischen Parteivorsitzenden Mao Tse Tung. Nach Abschluß der Parade kommt es den Nachmittag über zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstrantengruppen und der Polizei. Die Demonstranten ziehen sich immer wieder auf das Gelände der Technischen Universität zurück und bewerfen von dort aus die Polizei mit Steinen. Bei ihrem Vorgehen gegen diese Demonstranten werfen auch Polizeibeamte mit Steinen. Polizeikräfte besetzen schließlich mehrere Gebäude der TU und der Hochschule für bildende Künste (HfbK), um Demonstranten aus den Gebäuden zu vertreiben. Dabei kommt es in der HfbK zu Übergriffen von Polizeibeamten gegen unbeteiligte Kunststudenten und Professoren. Im Verlauf der Auseinandersetzungen werden zehn Polizisten verletzt und 52 Personen vorläufig festgenommen.

Der Präsident der TU, Alexander Wittkowsky, wendet sich in einer Erklärung gegen eine "Politik der Eskalation der Gewalt auf allen Seiten". Nachdem ohne sein Wissen das Gelände der TU mit Stacheldraht eingezäunt worden sei, habe er keine Möglichkeit mehr gehabt, mäßigend auf die Demonstranten einzuwirken.

Quelle: http://fuberlin.tripod.com/

 

„Das Werfen von Eiern wurde als Gewalt empfunden“

Der Chef der Polizeidirektion 1, Klaus Magiera, hat Anfang der 70er Jahre während der Studentenproteste das Einsatzkommando Charlottenburg geleitet. Nach 43 Jahren Polizeiarbeit ist Magiera seit heute im Ruhestand. Katrin Zimmermann sprach mit dem Leitenden Polizeidirektor über seine Erfahrungen mit Demonstranten. 

Den ganzen Artikel lesen: Berliner Zeitung

© gerrit fichtner 2019

Gerrit

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