Bajamar

Als wir 1966 die Insel verlassen hatten, wir lebten vier Jahre dort, war mir klar, dass ich bei der erstbesten Gelegenheit zurückkomme. Diese ergab sich 1971, meine Eltern führten einen Rosenkrieg vom Feinsten und ich hatte gerade mein Studium begonnen. In den Semesterferien hatte ich wochenlang beim Standaufbau auf der Funkausstellung geackert und mit 1500,- DM in der Tasche, wollte ich mit ein par Kommilitonen nach Amsterdam fahren. Statt dessen flog ich nach Teneriffa, um unser Haus zu renovieren. Meine Mutter hatte mich überzeugt und sie konnte sehr überzeugend sein, dass das wichtiger wäre. Auf Teneriffa angekommen, stand nicht nur das Haus leer, es war vermietet gewesen, daher die Notwendigkeit zu renovieren. Zu meinem Leidwesen war auch die Garage, in der unser Auto hätte stehen sollen, leer. Später habe ich erfahren, dass es mein Vater längst verkauft hatte. Freunde liehen mir für ein par Tage ihr Auto und vermittelten mir einen Leihwagen. Nach vier Wochen, ich hatte die billigste Pauschalreise gebucht und das dazugehörige Hotelzimmer nie in Anspruch genommen, flog ich mit dem Angebot meiner Freunde, sofort bei ihnen in der Firma zu arbeiten, nach Berlin zurück. Studium hin oder her, das Angebot war verlockend.

Dazu fällt mir eine Geschichte ein. Ich war seinerzeit etwa 18 Jahre jung. Wir lebten damals im äussersten Norden von Berlin. Wenn ich in die Disco wollte, war es mit dem Bus eine Weltreise und und die Monatskarte galt nicht für die S-Bahn. Einen Führerschein hatte ich, aber kein Auto. Der Wagen meines Vaters war tabu und der meiner Mutter stand grundsätzlich mit fast leerem Tank vor der Tür. Wer damit fahren wollte, musste tanken. Das klappte mit meinen begrenzten Mittel grade eben, jeden Samstag standen mir fünf Mark Taschengeld für Benzin und weitere fünf Mark, durch Rasenmähen, oder Autowaschen hart verdient, für Zigaretten und den Eintritt in die Disco, ein Bier inbegriffen, zur Verfügung. 1968 war das bei den damaligen Preisen noch möglich.

Im August 1949 geboren, müsste ich das sein, was man spätestens seit Joschka Fischer einen 68er nennt, dass ich damals in Berlin lebte spricht auch dafür. Ich sehe es nicht ganz so, zwar gab es die 68er Studentenrevolte, nur war ich damals kein Student und nach Einschätzung meines Vaters würde ich auch nie einer werden. Die politischen Ereignisse haben mich damals auch nicht berührt, mit meinem Alter von 18 oder 19 Jahren hatte ich andere Probleme. Klar wusste ich von den Demos und Straßenschlachten und ein Klassenkamerad war auch bei der denkwürdigen Wasserschlacht am Tegeler Weg dabei, natürlich haben wir kleine Flugblätter mit der Aufschrift : »Kurt Georg Kiesinger: Erst NS-Propagandist, jetzt NotStandsplaner. Deshalb STREIK gegen NS-Gesetze« aus dem Klassenfenster auf den Schulhof geworfen und da keiner sagte, wer das war, ist die gesamte Klasse sanktioniert worden.

© gerrit fichtner 2019

Gerrit

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