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Es gibt auf vielen Gebieten wahre Experten, Weinkenner, die nur beim Nippen am Glas sagen können, wie der Besitzer des Weinguts mit Vornamen heißt, Hobbyköche, die nur müde lächeln, wenn man von eigenen Heldentaten am Herd erzählt, Zeitgenossen, die anscheinend jedes Buch gelesen haben, Musikfreunde, die alle jemals gepressten Platten vom 1928 bis 1968 kennen und schlussendlich jene Zeitgenossen, die mir ungefragt die gesamte Geschichte meines Triumph erklären und mich mit strafendem Blich auf die gesprungene Frontscheibe, die nicht zu tolerierenden Spaltmaße, die falschen Vergaser und die keinesfalls originale Polsterung der Sitze aufmerksam machen, waschen und polieren könnte ich ihn auch mal wieder.

Woher stammt dieses beneidenswerte Wissen und was mache ich falsch, bin ich überhaupt ein richtiger Oldtimer, besser gesagt, Liebhaber automobilen Kulturguts, würdig, ein solches Fahrzeug zu besitzen und sogar zu bewegen. Was bewegte mich, einen Oldtimer zu kaufen, ist es wirklich das Interesse an historischen Fahrzeugen, oder steckt etwas ganz anderes dahinter? Der Familiensaga nach fing es schon damit an, dass mein erstes Wort angeblich nicht Mama, sondern Auto war. Was auch immer ich damals gestammelt habe, das Interesse war geweckt.

Mein Vater hatte nach dem Mauerbau aus lauter Panik, die Russen könnten ihm seinen Besitz nehmen, alles verkauft und wir sind von Berlin nach Teneriffa gezogen. Ich war damals zwölf Jahre alt. Etwa mit vierzehn Jahren begann sich mein Interesse an Autos weiterzuentwickeln. Unter dem Vorwand, mich nützlich zu machen, habe ich mich darum gerissen, Vaters Wagen zu waschen, dazu musste er vom Grundstück auf die Strasse gefahren werden, diese Aufgabe wurde selbstverständlich auch von mir übernommen. Dass ich den Begriff Strasse sehr großzügig auslegte, wurde übersehen, wohl auch deshalb, weil in unserem Wohngebiet nie ein Polizist zu sehen war.

Auf Teneriffa hatte ich die ersten Begegnungen mit englischen Sportwagen. Mit meinem Freund zog ich an manch einem Wochenende durch Puerto de la Cruz, wir fühlten uns als angehende Playboys, begutachteten mit Kennerblick die Inselschönen, die einer alten Tradition folgend, in kleinen Grüppchen die Plaza umrundeten und uns keines Blickes würdigten. Ebenso fachkundig nahmen wir die Autos ins Visier: »Da, ein TR 4 A« Wobei dem »A« eine besondere Bedeutung zukam und es ehrfürchtig betont wurde. Eines Tages sichteten wir den ersten Jaguar E-Type. Ein rotes Coupè im Besitz eines Hotelerben. Wir umkreisten es, bewunderten das mit Instrumenten und Schaltern überladende Armaturenbrett, schwelgten in den Kurven der Karosserie. Dieser Eindruck hat mich nie mehr losgelassen, später sah ich mich in meinen Tagträumen mit einem roten E-Type Cabrio eine Küstenstrasse entlang rasen, an meiner Seite Françoise Hardy. Fotograf wollte ich damals werden, denn nach dem Film »Blow Up« wusste ich, dass man sich als Fotograf solche Autos und schöne Frauen leisten konnte.

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Doch ich greife vor. Zwei weitere Engländer sind mir aus der Zeit in Erinnerung geblieben. Da war der rote Frosch eines Bekannten meiner Eltern, der vor seinem Sprung in die große Welt der Beatmusik von Hamburg kommend, einen Zwischenstopp auf den Kanaren einlegte. Heute fragt er sich in seiner Biografie, warum John nicht auf dem weißen Klavier spielt, damals nahm er mich ein par Mal im Austin mit. Ein bleibendes Erlebnis. Und da war ein weißer MG Midget mit Speichenrädern. Ein Schulfreund von mir holte ihn, als seine Eltern längere Zeit in Deutschland waren, aus der Garage und wir fuhren den Tank leer.

Nachdem die Russen Berlin doch nicht besetzt hatten und das Vermögen meines Vaters bedenklich geschrumpft war, zog man dorthin zurück. Ich war damals sechzehn und ich bewegte endlich legal ein Fahrzeug, eine Zündapp Super Combinette. Die Mopedzeit entsprach aber nicht meiner Vorstellung von motorisierter Fortbewegung. Als ich mit 18 endlich den richtigen Führerschein machte, vergaß ich, den für Motorräder gleich mitzumachen.

In der Woche beanspruchte ich den Opel meiner Mutter, sofern Benzin im Tank war, in weiser Voraussicht tankte sie nur für den eigenen Bedarf. Am Wochenende erkämpfte ich mir Vaters BMW. Der Beginn meines Studiums, nicht mehr Fotograf, Grafiker wollte ich jetzt werden, fiel mit dem Auszug meines Vaters und einer damit verbundenen endgültigen Zahlungseinstellung der Familie gegenüber, zusammen.

Meine Schrauberkarriere begann. Vermutlich verbrachte ich mehr Zeit auf Schrottplätzen als in der Akademie. Beides hat mir aber wie sich im Verlauf meines Lebens herausstellte, nicht geschadet.

Ich überspringe jetzt zwanzig Jahre und mindestens dreißig Fahrzeuge. Inzwischen lebte ich in Düsseldorf als Grafiker im Angestelltenverhältnis, ausgestattet mit einem familientauglichen Firmenwagen. Bei einem Ausflug ins nahe gelegene Roermond in Holland sehe ich einen kleinen hellroten Sportwagen. Die Vergangenheit holt mich ein, ein MG, ein MG B, Erinnerungen, Träume, Erwartungen waren wieder lebendig. In den folgenden Wochen und Monaten fuhr ich kreuz und quer durch das Ruhrgebiet. Ich ahnte nicht, wie viele Schrauberhallen mit englischen Fahrzeugen es gab. MG, Triumph, Jaguar, anscheinend alle aus dem sonnigen Kalifornien in das triste Deutschland importiert. Der Jaguar wurde sofort, der TR 4 erst später, als nicht finanzierbar von meiner Wunschliste gestrichen. In Bonn fand ich dann nach langer Suche »meinen« MG B.

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Die Freundinnen meiner Frau waren entsetzt, »Hast Du das nötig?« war noch der mildeste Kommentar. Offensichtlich passte das Klischee vom midlife-criselnden Vierziger perfekt.

Dem MG bin ich lange treu geblieben, bis ...

Nach dem Tod meiner ersten Frau vor mehr als zehn Jahren, stellte mich eine potentielle Lebensabschnittsgefährtin vor die Alternative: »Der MG oder ich«. Inzwischen sind beide nicht mehr da. Schade um den MG. Der Verlust nagte, in wenigen Jahren hätte er die hohen Weihen der H-Zulassung erhalten können, er wäre ein anerkannter Oldtimer geworden.

Oldtimer, da tauchte dieser Begriff auf, ich war also zum Oldtimer gereift, nein natürlich nicht ich, sondern mein Verhältnis zu alten Autos, besser gesagt die Fahrzeuge selber. Ist es derselbe Prozess der einen von Lambrusco über Bardolino zu den teureren Weinen führt oder von der Studenten-Pizza zur gehobenen mediterranen Küche. Ein Reifungsprozess, der Übergang in die Weisheit des Alters? Ist es die fortschreitende unaufhaltsame Alterung, die in der Regression endet? Endlich ausgestattet mit den nötigen finanziellen Mitteln, erfüllen wir uns die Träume der Jugend.

Natürlich ist es ganz anders, es ist die Freude an der alten Technik, die Verantwortung Vergangenes für die Zukunft zu erhalten. Oder ist es doch so wie meine jetzige Frau es sieht: »Immer wenn du aus dem Triumph aussteigst, bist du zwanzig Jahre jünger« Unser TR 3 als Zeitmaschine, als Jungbrunnen, der uns unserem Wunsch, zusammen alt zu werden, näher bringt und dabei der Zeit ein Schnippchen schlägt.

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Ich weiß es nicht, ich fahre doch nur ein Auto.

© gerrit fichtner 2019

Jaguar

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